Archiv für März 2016

Newroz in Amed – Nicht die Zeit zu trauern, sondern zu kämpfen.

Wir wollen euch einen Blog empfehlen, der Newroz-Blog berichtet über Delegationsfahrten in die kurdischen Gebiete anlässlich des Newroz-Festes.
Im folgenden haben wir hier einen Bericht über die Feierlichkeiten dieses Jahr.

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Quelle:http://newroz.blogsport.eu/
Spätestens seit Beginn der 90er Jahre und dem Wiedererstarken der kurdischen Bewegung wurde auch das Newrozfest politisch neu besetzt. Rückgehend auf die Mythologie der brennenden Festung von Dehok steht das Entzünden des Newroz-Feuers als Symbol fuer die Befreiung von jeglicher Gewaltherrschaft. Nach den letzten Jahren des Friedensprozesses stand dieses Newroz wieder unter repressiven Vorzeichen…

Die Nacht vor Newroz verbrachten wir gemeinsam mit vielen Genoss*innen aus ganz Kurdistan. Es wurde gemeinschaftlich in einer großen Halle getanzt, sich ausgetauscht und geschlafen.

Während des Abends fand ein großes Plenum statt, in dem auch wir uns vorstellten. Wir sagten, dass wir die Kämpfe um Befreiung und um ein herrschaftsfreies Leben, als gemeinsame Kämpfe begreifen. Weiterhin wollen wir Solidarität zeigen und an den Newrozfeierlichkeiten teilhaben. Außerdem möchten wir von der Lage in Nordkurdistan berichten und noch viel von der Bewegung vor Ort lernen.

Die Reaktion der Freund*innen war eine sehr kraftvolle und motivierende. Sie sagten, es gebe ihnen Kraft, wenn selbst in dieser schweren Zeit internationale Freund*innen hierher kommen und sie glauben, dass ihre Ideen weiterhin bestehen und funktionieren können. Es sei nicht die Zeit zu trauern, sondern zu kämpfen. Anschließend lasen sie den Aufruf der Jugend und die Zusammenfassung der Briefe seit 2003 von Abdulah Öcalan zu Newroz vor.

Mit den Freund*innen, mit denen wir die Nacht zusammen verbracht haben, gingen wir am nächsten Morgen auf die Straße. Jedes Jahr führt eine Jugenddemo zu den Newrozfeierlichkeiten, so auch dieses. Auf der Demonstration begleiteten uns nach kurzer Zeit mehrere Acrips (gepanzerte Polizeifahrzeuge) und versuchten zu provozieren, indem sie mehrmals in die Demo hinein fuhren. Die Demo ließ sich nicht provozieren und lief lautstark weiter. Viele vorbeifahrende Busse hatten Newroz pîroz be (Fröhliches Newroz) auf den Anzeigen stehen, Autos hupten und aus allen Häusern kamen Solidaritätsbekundungen, selbst von den Kleinsten an den Fenstern.

Kurz vor dem Festivalgelände erwartete uns ein martialisches Polizeiaufgebot, das eindeutig zur Einschüchterung und Verhinderung der Feierlichkeiten dienen sollte. Es ist absolut klar was der türkische Staat damit bezwecken wollte. Er möchte wieder einmal mit Gewalt Menschen an Auslebung ihrer Kultur hindern. Die Feier in Amed war eine der wenigen erlaubten. Trotzdem wurde uns berichtet, dass ca. 40 000 Menschen, die aus ganz Kurdistan mit Zügen oder Autos angereist waren, zurück geschickt wurden.

Das Festivalgelände wurde aus Sicherheitsgründen, schon zwei Wochen vor Newroz von Genoss*innen aus ganz Bakur gesichert und eingezäunt worden. Es gab weder Stände noch Mülleimer und überall standen Genoss*innen, die das Gelände sicherten, um das Risiko eines weiteren Anschlages zu minimieren.

Auf dem Weg zu dem Fest, hatte die Polizei im Abstand von wenigen hundert Metern, zwei Kontrollschleusen errichtet. Absolut willkürlich wurden bei den Kontrollschleusen für Frauen* (zum Teil von männlichen Polizisten) völlig legale Tücher abgenommen. Selbst das Beiführen eines Verbandskastens hat zu mehrfacher Kontrolle durch Polizisten geführt. Bei der Kontrolle der Männer* eskalierte, ohne ersichtlichen Grund, die Situation. Mit Schlagstöcken wurden umstehende Personen durch die Schleuse getrieben, Akreps und Wasserwerfer wurden aufgefahren.

Auf dem Fest angekommen, füllte sich langsam das Gelände, bis sich ca. eine Million Menschen einfanden. Viele tanzten und sangen zusammen, egal ob mensch sich kannte oder nicht. Es wurden viele Reden auf der Bühne gehalten von Gülten Kisanak, Sirri Süreya Önder, Selahatt in Demirtas und vielen anderen. Beeindruckend war der freundliche Umgang und Austausch zwischen den Menschen und die euphorische Stimmung. Anders als auf politisch, kulturellen Veranstaltungen in Deutschland, trinkt dort niemand Alkohol und alle sind rücksichtsvoll miteinander.

Als das Newrozfeuer entzündet wurde, standen alle Menschen auf und sangen gemeinsam Cerxa Sorese (Der Lauf der Revolution). Manche warfen Kleidungsstücke ins Feuer, mit dem Gedanken, dass wenn etwas altes verbrennt, etwas neues entstehen kann. Mehrmals lief die Jugend lautstark, kraftvoll, mit vielen Fahnen durch die Menge und wurden von allen Besucher*innen bejubelt.

Als sich das Newrozfest langsam leerte, wurde die letzte Besucher*innengruppen, bei dem Verlassen des Geländes von der Polizei mit Tränengasgranaten angegriffen.

Trotz Anschlagsgefahr und der permanenten Repression, ließen sich die Menschen nicht einschüchtern. Auch dieses Jahr wurde von der kurdischen Bewegung wieder gezeigt, dass egal was der türkische Staat auch tut, er der Bewegung die Kraft nicht nehmen kann.

Newroz pîroz be!

Stacheldraht in Hagenhill

Hagenhill, ein kleines verschlafenes Dörfchen nahe Altmannstein. (Wikipedia: Am 15. März 2007 zählte der Ort 407 Einwohner) Auch hier werden derzeit Flüchtlinge einquartiert, so wie überall in Deutschland. Doch leider oder auch besonders hier, einem auf dem Land gelegenen Dorf, trifft man nicht nur auf fleißige Helfer oder neutrale Stimmen zu dieser Thematik, sondern auch auf die sogenannten „besorgten Bürger“. So sehr konstruktive Kritik in Zeiten der Flüchtlingskrise an die Politik und den Staat auch berechtigt ist, übertreiben es manche Bürger immer wieder. Seit Kurzem gibt es das Gerücht, Anwohner hätten ihre Grundstücke mit Stacheldraht und Warnschildern ausgerüstet, um sich vermutlich vor der „aggressiven und bösartigen Flüchtlingsbrut“ zu schützen. Das nahmen wir uns zum Anlass mal näher hinzusehen. Am 28.03.2016 machten sich Aktivisten der La Resistance auf den Weg, um näheres zu erfahren und sich ein eigenes Bild zu machen.

Nach kurzer Fahrt durch das beschauliche Dorf Hagenhill, traf man zufällig auf eine Flüchtlingshelferin und Anwohnerin. Wir erkannten sie daran, da sie vorbeigehende Flüchtlinge begrüßte und deren Hand schüttelte. Sie zeigte sich sichtlich erschrocken, wie schnell doch das Gerücht des anscheinend rechten Anwohners die Runde machte. Im Laufe des Gesprächs konnte man erfahren, dass glücklicher Weise, nicht alle Anwohner diese fragwürdige Einstellung besitzen. In Winden am Aign war das leider überwiegend der Fall. Sie sieht positiv in die Zukunft, was die Stimmung der Einwohner angeht. Es gibt nach ihrer Aussage sogar einen eigenen Helferkreis mit 10 Mitgliedern. Derzeit wohnen 16 Flüchtlinge, alle aus Ländern des mittleren Ostens, vermutlich Afghanistan, Syrien und etc. in dem kleinen Dörfchen. Altmannstein, zu dem auch Hagenhill gehört, hat insgesamt 89 Refugees. Diese Zahl wird aber demnächst noch etwas höher. Nach ihrem Aussehen nach, sind alle Flüchtlinge noch jung, schätzungsweise zwischen 18 und 28.
Nun zu den angesprochenen Grundstücken. Zuerst fiel uns ein einzelnes Warnschild vor einer Scheune auf:

Privatgrundstück - Betreten verboten

Gleich wenn man links in den Ammerbauerweg einbiegt traf uns dann fast der Schlag:

Nato-Draht und Zäune am Ammerbauerweg

Allen Ernstes stattete der Bewohner dieses Hauses seinen Rasen mit 2 Rollen Nato-Stacheldraht aus. Davor zusätzlich einen Drahtzaun, den man sonst nur an Tiergehegen sieht. Die Szenerie erinnerte eher an ein Lager aus „The Walking Dead“ als an ein Dorf, in dem vermutlich der Hase dem Fuchs gute Nacht sagt. Man wurde kurzzeitig an die Stacheldrahtzäune an unseren europäischen Grenzen erinnert, an denen tagtäglich Menschen frieren, warten, leiden, wenn nicht sogar sterben. Laut Aussage der Helferin sei die Intention des Urhebers „nur“ Protest gegen das System, nicht aber gegen die Flüchtlinge. Ähnliches hörte man schon in Winden am Aign, wo letztendlich eine Unterkunft in Flammen aufging. Vorangegangen ist eine ähnliche Form gegen Flüchtlinge mobil zu machen. Dort stellte man Schilder mit „Denkt an unsere Kinder“ usw. in den Garten. Aber dazu später mehr. Es ist erschreckend, dass selbst Flüchtlinge die die europäischen Grenzen überwunden/überlebt haben selbst am Ziel, an ihrer Unterkunft noch an ihre fürchterliche Flucht erinnert werden. Auch ist es zu verurteilen was durch dieses Konstrukt impliziert wird. Nämlich das Refugees in ihrer Gesamtheit, also alle, gefährlich sind wie wilde Tiere oder Sträflinge im Gefängnis, vor denen es sich mit Stacheldraht und Zäunen zu schützen gilt.

Es gilt sich, obwohl gegenteiliges von der Helferin zu hören ist, Sorgen zu machen. Diese Entwicklung hat man schon in Winden am Aign, wenn auch viel größer und breiter, gesehen. Erst gibt es stumpfe Parolen und die geistige Brandstiftung, dann folgen das Benzin und die brennende Unterkunft. Es gilt zu beobachten wie entsprechende Anwohner sich verhalten, auch dies Aufgabe des Staates, durch Aufklärung und Prävention, die Wiederholung von Winden am Aign zu verhindern.

Update:
Laut „Donaukurier“ hat der Anwohner den Zaun wieder entfernt.